VHS Reckenberg-Ems
Text: Christian Horn . Fotos: Detlef Güthenke
Jeder Mensch hat ein Recht auf lebenslanges Lernen. So zumindest steht es im 2021 novellierten Weiter-bildungsgesetz NRW. Die Volkshochschule (VHS) Reckenberg-Ems sorgt mit ihrem vielfältigen Angebot seit 1977 dafür, dass dieser Anspruch auch in der Erwachsenenbildung mit Leben gefüllt wird.
Allein im abgelaufenen Geschäftsjahr 2023/24 besuchten rund 18.000 Bürgerinnen und Bürger überjährig die Veranstaltungen des Winter- und Sommersemesters und absolvierten in dieser Zeitspanne rund 30.000 Unterrichtseinheiten. Fast jeder Fünfte, der im Einzugsgebiet des Zweckverbandes VHS Reckenberg-Ems lebt, zu dem die Kommunen Rheda-Wiedenbrück, Rietberg, Herzebrock-Clarholz und Langenberg zählen, nutzte in den vergangenen Monaten ein Angebot der Einrichtung. Eine Resonanz, mit der zweieinhalb Jahre nach dem offiziellen Ende der Corona-Pandemie nicht zu rechnen war, sagt André Mannke, seit April 2020 Leiter der Einrichtung. „Nicht wenige haben seinerzeit schon das Ende der Volkshochschulen prophezeit. Zum Glück hat sich diese düstere Vision nicht bewahrheitet. Heute haben wir wieder Teilnehmerzahlen, die sich auf dem Vor-Corona-Niveau bewegen. Auch wenn sich die Nachfrage nicht mehr so dynamisch weiterentwickelt wie in den Jahren 2022 und 2023, ist der Trend dennoch weiterhin absolut positiv.“
630 Bildungsangebote
Auch für das Wintersemester 2024/25 hat sein Team wieder ein vielfältiges Angebot zusammengestellt. Rund 630 Kurse und Veranstaltungen werden an den 78 Veranstaltungsstätten im Südkreis Gütersloh angeboten. „Im Sinne einer lebensbegleitenden Weiterbildung decken wir nahezu alle Themen ab, die ein Mensch früher oder später mal in seinem Leben braucht. Entsprechend breit ist das Angebot angelegt.“ Dazu zählen unter anderem Sprachkurse in den unterschiedlichsten Niveaus, zahlreiche Angebote aus den Bereichen IT, Arbeit und Beruf sowie Veranstaltungen und Kurse aus den Bereichen Gesundheit und Sport sowie der politischen- und kulturellen Bildung. Auch Studienreisen und Wandertouren stehen auf dem Programm. Ein vielfältiges Programm, das sich vor allem an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientiert, sagt André Mannke: „Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, der den Menschen in den Mittelpunkt rückt und sich nicht auf das Berufliche verengt. Diese Herangehensweise hat die Volkshochschularbeit von Anfang an ausgezeichnet und macht sie so wertvoll für die Gesellschaft.“
Die vierte Säule im Bildungssystem
Eine Einschätzung, die auch mehr als 100 Jahre nach der Gründung der ersten Volkshochschulen in Deutschland Bestand hat. Schon die Gründungsväter hatten 1919 „die Erweiterung und Vertiefung des Wissens und Könnens der Bevölkerung und eine Einführung des Verständnisses der Gegenwart“ vor Augen, seinerzeit allerdings noch in einem deutlich geringeren Umfang. Heute bieten rund
900 Volkshochschulen deutschlandweit mehr als 500.000 Kurse, die von rund 5,5 Millionen Menschen genutzt werden. Mit der Erweiterung des Angebots einher ging auch eine strukturpolitische Aufwertung der Erwachsenenbildung. Andre Mannke: „Volkshochschulen sind neben den Schulen, der dualer Ausbildung und der Hochschulbildung mittlerweile die vierte, gleichberechtigte Säule im Bildungssystem. Die Förderung der Erwachsenenbildung ist sogar in der Landesverfassung NRW festgeschrieben und damit ein verbrieftes Recht, das zum Glück von vielen Menschen wahrgenommen wird.“
Fest verwurzelt in der Kommune
Historische Entwicklungen, die allerdings nicht die positive Entwicklung der VHS Reckenberg-Ems erklären, mit rund 330 Unterrichtseinheiten pro 1.000 Einwohnern mittlerweile einer der erfolgreichsten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland. Eine wichtige Rolle spielt nach Ansicht von André Mannke die regionale Verbundenheit mit den Bürgerinnen und Bürgern. „Diese Beziehung ist schon außergewöhnlich. Für viele ist die Volkshochschule ein geschätzter Bestandteil ihres Lebensalltags geworden, der einfach dazu gehört.“ Eine innige Beziehung, die auch darin begründet sein dürfte, dass sich der 46-Jährige und sein Team als Dienstleister für die Menschen in der Region verstehen. „Wir wollen eine nahbare Einrichtung sein, die ein qualitativ hochwertiges und ausgewogenes Angebot vorhält – und offensichtlich kommt diese Botschaft bei unserer Klientel an.“
Eine anderer Erklärungsansatz hängt mit einer grundlegenden Entscheidung aus dem Jahr 2004 zusammen. Damals stand die Volkshochschulen in Deutschland aufgrund von Änderungen in der Gesetzgebung vor der Wahl, sämtliche Auftragsmaßnahmen der Agentur für Arbeit komplett einzustellen oder aber diesen Bereich in eine eigene Gesellschaft auszugründen. „Im Gegensatz zu vielen anderen Volkshochschulen, die diese Leistungen dann nicht mehr angeboten haben, haben wir alle Maßnahmen zur beruflichen Erstorientierung ausgelagert und in der Fortbildungs-Akademie Reckenberg-Ems gGmbH (FARE) angesiedelt, eine einhundertprozentige Tochter der VHS – eine Entscheidung, die wir bis heute keine Sekunde bereut haben“, erläutert André Mannke. Heute erstrecken sich die Aktivitäten der FARE über das Gebiet der VHS Reckenberg-Ems hinaus – beispielsweise im Bereich des Übergangs von Schule/Beruf, der Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und der beruflichen Fort- und Weiterbildung.
Wandel vom Bildungsanbieter zum
integrativ agierenden Akteur
Die Ausgründung der FARE ist ein Meilenstein in der Entwicklung der VHS, aber auch Ausdruck ihres kontinuierlichen Wandels. Aus dem reinen Bildungsanbieter vergangener Tage ist ein Akteur der kommunalen Daseinsfürsorge geworden, der sich nicht nur mit Bildungs- und Beratungsthemen beschäftigt, sondern auch in den Bereichen Integration, berufliche Förderung und Sprachvermittlung engagiert. Seit 2005 übernimmt die Einrichtung beispielsweise im Auftrag der Kommunen Rheda-Wiedenbrück, Rietberg, Herzebrock-Clarholz und Harsewinkel die Trägerschaft für 17 Offene Ganztagsgrundschulen (OGGSn) und ist zusätzlich an weiterführenden Schulen mit außerunterrichtlichen Angeboten vertreten. Rund 310 Beschäftige engagieren sich im Gesamtunternehmen in den vielfältigen Geschäftsbereichen und leisten so einen wichtigen Beitrag zur kommunalen Bildungs- und Integrationsarbeit. Eine Entwicklung, die laut André Mannke zukunftsweisend für sein Haus ist: „Wir sind über die Jahre ein wichtiger Bestandteil der kommunalen Integrationskette geworden und haben Verantwortung für zahlreiche soziale Themen und Aufgaben übernommen. Diesen Weg wollen und werden wir weitergehen. Stellen Sie sich doch einmal vor, es gäbe keine VHS Reckenberg-Ems. Da würde uns doch Einiges fehlen, oder?“