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Dank neuer digitaler Möglichkeiten verändern sich im Gesundheitswesen die Anforderungen an Mobilität und Verfügbarkeit. Intelligente Lösungen wie beispielsweise Anwendungen der Telemedizin, die Video-Sprechstunde oder die Online-Terminvergabe sparen nicht nur Ärzten und medizinischem Fachpersonal viel Zeit, sondern erleichtern auch Patienten, die nicht bzw. nur eingeschränkt mobil sind, den niederschwelligen Zugang zu medizinischer Unterstützung.

Als Dr. Ludger Killich vor gut zwei Jahren seine digitale Hausarztpraxis „i.med“ in Halle in Westfalen eröffnete, gehörte er noch zu den Pionieren seiner Zunft. „Der ein oder andere Kollege hatte digitale Anwendungen schon im Portfolio, aber bei den meisten reduzierte sich das Angebot auf die Online-Terminvereinbarung. Heute ist das Thema schon weiterverbreitet, auch weil die Menschen merken, wie hoch der Nutzen ist, den sie daraus ziehen können. Aber noch haben wir als Branche bei dem Thema reichlich Luft nach oben.“ Dabei liegen die Vorteile auf der Hand, weiß der 60-jährige Mediziner aus eigener Erfahrung: „Dank der Videosprechstunde spare ich allein 15 bis 20 Minuten pro Hausbesuch, da unter anderem die An- und Abfahrt entfällt. Auf den Tag gesehen ist es sicher rund eine Stunde, die mein Personal und ich einsparen und anstelle dessen in unsere Patienten und die Praxisplanung und -organisation stecken können.“ Gute Gründe, vom Start weg den Fokus auf digitale Gesundheitsanwendungen zu legen: „In unserer Praxis haben wir den bekannten medizinischen Grundsatz Ambulant vor stationär
um den Zusatz Digital vor ambulant
erweitert, da wir davon überzeugt sind, dass wir mit dem Einsatz von digitalen Tools einfach effizienter und schneller arbeiten können. Außerdem erreichen wir so besser die Patienten, die nicht mobil bzw. nur unter großen Aufwänden in der Lage sind, uns in der Praxis aufzusuchen.“
Zeit sparen, Qualität steigern
Schon heute laufen mehr als die Hälfte der Patientenkontakte über digitale Kanäle, angefangen von den eher leichten Fällen, wo es um die Erfassung der Daten und eine Anamnese für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung geht, bis hin zu den komplexeren Fällen, bei denen Telemedizin-Anwendungen zum Einsatz kommen. „In diesen Fällen ist eine qualifizierte Mitarbeiterin von mir vor Ort und leistet die entsprechenden Vorarbeiten, das heißt Blutdruck messen, Blutabnahme oder Durchführung eines EKG, damit wir für die Anamnese eine entsprechende Datenbasis haben. Ich werde dann bei Bedarf von der Praxis aus zugeschaltet und kann von hier aus den Termin begleiten. Dass spart nicht nur enorm Zeit, sondern kommt auch der Qualität zugute. Schließlich habe ich keine stressige An- und Abfahrt mit einem hohen Zeitdruck im Nacken, sondern kann mich in Ruhe auf den Patienten konzentrieren“, betont Dr. Killich die Vorteile der neuen Technologie.
Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten, die mittlerweile auch andere Ärzte aus der Region dazu motiviert hat, sich dem Projekt „Digitale Praxis“ anzuschließen. Erst Anfang des Jahres wurde ein Hausarztpraxis mit einem zum Teil recht alten Kundenstamm in das Team integriert, ein Prozess, der sich allerdings als nicht ganz so einfach entpuppte wie gedacht, erinnert sich Ludger Killich: „Im Gegensatz zu unseren ersten Patienten, die sich an uns gewandt haben, weil sie von der Idee der digitalen Praxis begeistert waren, haben wir hier schon gewisse Vorbehalte gespürt. Der Wunsch, ‘dass alles so bleiben soll wie es ist’, war zum Teil deutlich zu spüren. Hier war echte Überzeugungsarbeit nötig, um die Vorbehalte auszuräumen. Aber zum Glück ist uns das bis heute gut gelungen.“
Umverteilung von Kompetenzen ist nötig
Patienten, aber auch die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von den Vorteilen digitaler Anwendungen zu überzeugen ist nur eine Seite der Medaille. Gleichzeitig geht es darum, Vertrauen in die medizinische Versorgungsstrukturen zu schaffen und zu bewahren. „Und das geht am besten über den persönlichen Kontakt“, weiß Dr. Killich, der mittlerweile seit 30 Jahren als niedergelassener Hausarzt arbeitet und um die Engpässe weiß, die sich aktuell im Bereich der Hausarztversorgung auftuen. Seine Empfehlung zur Lösung des Problems: „Damit der digitale Wandel im Gesundheitswesen Früchte tragen kann, müssen wir als Hausärzte bereit sein, Tätigkeitsfelder und Kompetenzen abzugeben, um so das Nadelöhr zu weiten. Dafür brauchen wir hoch qualifiziertes Fachpersonal, an das ärztliche Aufgaben delegiert werden kann. Dass ist kurzfristig nicht zu realisieren, aber wenn wir die Weichen früh genug stellen, sicherlich in den nächsten Jahren.“ In seinen Überlegungen übernehmen auch die Patienten eine wichtige Aufgabe bei der Problemlösung: „In jeder Arztpraxis gibt es administrative Tätigkeiten, die der Patient selbst ausführen kann, angefangen vom elektronischen Rezept bis hin zur Bestellung von Medikamenten. Dafür braucht es ein gewisses technisches Verständnis, vor allem aber Vertrauen in die handelnden Personen. Hier tun wir uns in der Branche aber leider oft noch schwer.“
Künstliche Intelligenz revolutioniert das Gesundheitswesen
Mehr Offenheit und Akzeptanz für neue Denk- und Handlungsweisen fordert auch Uwe Borchers, Geschäftsführer des Zentrums für Innovation in der Gesundheitswirtschaft e.V. (siehe Infobox), der die Gründung und Entwicklung der Praxis von Anfang an begleitet hat. „Der Begriff der Mobilität umfasst ja nicht nur das Bewegen von Personen und Gegenständen von A nach B, sondern vor allem auch eine intellektuelle Fähigkeit. Nur wenn wir uns als handelnde Personen neuen Strukturen und Ideen öffnen, können wir das Gesundheitswesen effektiv zum Nutzen der Patientinnen und Patienten weiterentwickeln.“ Eine Einschätzung, die Ludger Killich vorbehaltlos teilt, der für die Zukunft neben der Etablierung von Gesundheitszentren mit klarem Fokus auf digitale Anwendungen vor allem auf die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in die medizinischen Prozesse und Abläufe setzt: „Diese Technologie in Verbindung mit gut ausgebildetem Personal macht schon heute enorme Qualitätssprünge in der Medizin möglich und wird auch das Thema Hausärztemangel maßgeblich beeinflussen.“ Der von vielen befürchteten Dominanz der KI schiebt er allerdings einen klaren Riegel vor. „Künstliche Intelligenz kann eine wertvolle Funktion als Co-Pilot und Assistenz haben und dem medizinischen Personal wichtige Hilfestellung leisten. Grundsätzlich muss aber der Mensch der Entscheider bleiben, sowohl inhaltlich als auch formal. Schließlich wird es auch in Zukunft eine emotionale Ebene geben, auf der wir den Patienten treffen und mit ihm kommunizieren. Diese Kompetenz dürfen wir nicht aus der Hand geben.“