Das kleine Tor zur Welt steht weit offen

Fotos: Flughafen Paderborn-Lippstadt

Selbst die Älteren werden sich vermutlich nicht mehr erinnern:  Flugreisen waren mal eine sehr exklusive Sache – vom ersten Moment an, sprich bei Ankunft am Flughafen. Lange Schlangen waren unbekannt, zum Check-In kam man kurz vor Abflug, in der Lounge wurden Getränke und Imbiss gereicht. Alle Wege waren kurz und überschaubar.  Ein klein wenig, so scheint es, hat der Flughafen Paderborn/Lippstadt aus dieser Zeit in seinen täglichen Betrieb rübergerettet. Hier ist die Stimmung im Allgemeinen konstant entspannt, auch wenn es gerade gen Mallorca geht:  kein genervtes Gedränge, in den Bistros gibt es immer einen Platz. Und wer sehr früh auf die Anhöhe kurz vor Büren anreist, weil er es nicht anders gewohnt ist vom schwirrenden Düsseldorf, der wird bei Eintritt freundlich lächelnd vom Personal am Infocounter begrüßt.

Mein Heimathafen
Paderborn/Lippstadt ist – auch unter den regionalen Airports – ein eher kleiner Flughafen. Aus Gütersloher Perspektive liegt er direkt vor der Haustür. Mal eben über A2 und A33, ein bisschen B1. Nach einer halben Stunde kommen Parkplätze, Rollfeld und Terminal direkt ins Blickfeld. Zugegeben, mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Anreise etwas komplizierter, aber möglich. „Der allergrößte Teil reist mit dem Auto an,“ bestätigt Pressesprecher Matthias Hack. „Mein Heimathafen“ ist hier mehr als ein Werbespruch. Der Heimatflughafen ist Programm. „Wir setzen hier ganz konsequent auf ein Angebot für die Region,“ sagt Hack. „In der Region wollen wir die Flugbedarfe abdecken, und deshalb hören wir genau hin, was die Menschen hier wollen.“
Eine Umfrage im Jahr 2021 hat ergeben, dass das unter anderem auch Alicante und Málaga sein könnte. Mehrmals in der Woche gibt es daher nun Direktflüge, nach Málaga in der Sommer-/Herbstsaison, nach Alicante ganzjährig, so wie nach Mallorca. Hinzu kommen Direktflugangebote von Reiseveranstaltern zu festen Terminen mit attraktiven Zielen wie Santorin oder Kalabrien.
818.378 Passagiere und Passagierinnen zählt die Statistik für das Jahr 2024. 648.488 davon waren touristisch unterwegs. 124.158 werden als Business-Kunden gelistet, die übrigen 39.406 unter dem Label „Visiting Friends and Relatives“ zusammengefasst. Das sind diejenigen, die den „Heimatflughafen“ Paderborn für den Trip in eine zweite Heimat verlassen, mit der regelmäßigen Verbindung ins türkische Antalya zum Beispiel.

Komplette Umstrukturierung
Die Zahlen und die Steigerungsraten der vergangenen Jahre dokumentieren aus der Perspektive der Flughafen Paderborn/Lippstadt GmbH eine echte Erfolgsgeschichte:  800.000 Fluggäste bis zum Jahr 2025 hatten sich die Gesellschafter mit dem neuen Geschäftsführer Roland Hüser zum Ziel gesetzt, als der Flughafen sich nach Insolvenz und dem Ausstieg der Kreise Gütersloh und Lippe neu erfinden musste. Was Matthias Hack als „Neustart“ bezeichnet, war eine komplette Umstrukturierung unter größtmöglich angespannten Bedingungen:  Corona hatte die Passagierzahlen, die zuvor schon rückläufig waren, 2020 auf 92.000 herabschmelzen lassen. Verbunden mit dem Neubeginn war eine komplett neue Organisationsstruktur. „Eine sehr sehr schlanke Betriebsorganisation“ sei dessen Basis, erklärt Hack: eine Muttergesellschaft mit 70 Mitarbeitenden mit Geschäftsführer Roland Hüser an der Spitze, davon gehören mehr als 40 Personen der Feuerwehr an. Weiterhin gibt es   zwei Tochtergesellschaften, deren Aufgabengebiete sich im Dienst am Passagier – sprich Check-in und alles, was dazu gehört – sowie den Flugzeugen definieren. „Saisonal atmen“ nennt Pressesprecher Hack das Grundprinzip: „So können wir den Anteil der Fixkosten erheblich reduzieren.“  

Alles auf einen Blick: Der Flughafen Paderborn-Lippstadt ist weitläufig und überschaubar.

Neu erfunden
Nach dem Ausstieg der Kreise Gütersloh und Lippe, die jeweils 7,84 Prozent der Gesellschafteranteile am Flughafen hielten, sind heute die Kreise Paderborn, Soest, der Hochsauerlandkreis, Höxter sowie die IHK Ostwestfalen und Lippe Gesellschafter. Den Hauptanteil hält der Kreis Paderborn mit 77,94 Prozent, Aufsichtsratsvorsitzender ist Landrat Christoph Rüther. Auch er kann mit Gelassenheit auf die Statistiken blicken, wenn der Airport immer wieder neue Steigerungsraten vermeldet. Die Fluggastzahlen zu Ostern 2025 hätten die Vorjahreszahlen um 24,5 Prozent übertroffen, heißt es in einer Pressemitteilung des Paderborner Airports. „Die erfolgreichen Osterferien sind ein wichtiger Indikator für den weiteren Jahresverlauf. Wir schauen sehr zuversichtlich auf die kommenden Monate, in denen schon sehr viele Buchungen vorliegen“, prognostiziert Geschäftsführer Roland Hüser.
Eine andere offene Frage ist offensichtlich im Frühjahr auch gelöst worden. Nachdem die Lufthansa angekündigt hatte, ab Juni 2025 den Standort aufzugeben, schien die Inland-Strecke Paderborn-München Geschichte. Doch auch in diesem Fall erfand sich der „Heimathafen“ neu. Rund 40 Unternehmen und Privatpersonen aus der Region schlossen sich zur „Skyhub PAD“ zusammen mit dem Ziel, den Linienverkehr mit einer anderen Fluggesellschaft zu erhalten. Das scheint gelungen, wenn auch nicht nahtlos: Ab September soll die Fluggesellschaft Danish Air Transport bis zu dreimal täglich im Auftrag der „Skyhub PAD“ von Paderborn zum „Drehkreuz München“ fliegen. Im April wurde der Vertrag unterzeichnet.

Ein Ort der Begegnung
Für die Befürworter ist der Erhalt der Strecke nach München kein Luxus, sondern eine Verbindung, die im hohen Maß der wirtschaftsstarken Region zugutekommt. Grundsätzliche Kritik an Inlandsflügen kontert Matthias Hack mit einem Blick in die Zukunft, die aus seiner Sicht bereits begonnen hat: „Wenn die Dekarbonisierung im Flugverkehr umgesetzt ist, ist Fliegen klimaneutral und die umweltfreundlichste Form des Reisens. Der Beginn mit kleineren Flugzeugen ist hier bereits gemacht.“ Im Übrigen nutze der überwiegende Teil der Passagiere die München-Verbindung zum Lufthansa-Drehkreuz, um internationale Ziele anzusteuern – wie bei einem Fernbahnhof im Schienenverkehr. Darüber hinaus setzt der Flughafen Paderborn auf Umweltfreundlichkeit am Boden – also Ökoprofit-zertifiziertes Unternehmen inklusive Fernwärme aus der Biogasanlage.
Dass hier ein nahegelegener Anbieter als Lieferant genannt wird, scheint nur folgerichtig im „Heimathafen-Universum“. An die Region richtet sich auch einiges, was über den Flugplan hinaus noch im Terminal und auf dem Gelände geboten wird: Reisemesse und Führungen, Rooftop-Bar im „Quax-Hangar“, der historische Fluggeräte präsentiert. Auf dem Flughafen kann der Bund fürs Leben geschlossen, im Airport-Forum kann gefeiert werden. Das nahe Airport-Hotel bietet Übernachtungsmöglichkeiten und ein Restaurant – nicht nur für potenzielle Fluggäste, die dem Frühflug entspannt entgegensehen wollen.
 „Ein Ort der Begegnung“ soll dieser Ort auf gut 200 Metern über dem Meeresspiegel sein, umgeben von dörflicher Idylle, von den Geseker Zementwerken, von Wäldern und landwirtschaftlichen Flächen. Begegnen wird man hier auch dem Flugverein Rietberg, dem Flugverein Paderborn Land und Menschen, die sich in einer privaten Flugschule zum Piloten ausbilden lassen. Ein Portfolio, das kaum jemand erwartet, der Paderborn/Lippstadt im wesentlichen als Ankunft/Abflug für die Mallorca-Reise definiert. „Wir vergleichen uns nicht mit anderen Flughäfen,“ kontert Pressesprecher Matthias Hack entsprechende Nachfragen. „Aber wir können Dinge tun, die auf Großflughäfen nicht möglich sind.“  Zum Beispiel als Ausweich-Airport fungieren, wenn bei den „Großen“ gerade gestreikt wird. Rund 3.000 Passagiere mehr als üblich lernten so an einem Warnstreik-Montag im Februar 2025 den Flughafen Paderborn/Lippstadt kennen, auf dem es kein Nachtflugverbot gibt.  Ein Vorstoß der Freien Wählergemeinschaft Borchen mit Verweis auf Bürgerbeschwerden wegen Lärmbelästigung blieb bisher mit Verweis auf Genehmigung und eingehaltene Grenzwerte erfolglos.

Geburtstag feierte Paderborn/Lippstadt im vergangenen Jahr. Das Jubiläum nahm er zum Anlass, der eher nüchternen geographischen Bezeichnung den Namen Heinz Nixdorf voranzustellen. Damit dürfte er der einzige Airport in Deutschland sein, der nach einer Unternehmerpersönlichkeit benannt ist. Mit dem Computerpionier aus Paderborn, der 2025 100 Jahre alt geworden wäre, schließt sich wiederum ein Kreis, in dem dieser Flughafen konsequent sein Selbstbewusstsein pflegt:  ostwestfälische Bodenständigkeit, verbunden mit Weitsicht in die Zukunft. Das kleine Tor zur Welt steht weit offen.