Foto: Thorsten Wagner-Conert

Horst Haase ist ein entspannter Ruheständler, 83 Jahre alt, körperlich und geistig gesund, „und ich hoffe, die anderen merken das auch.“ Im 23. Ruhestandsjahr genieße er die Tage dankbar, sagt er über seinen heutigen Alltag. Der Mann hat sich seinen eigenen Humor bewahrt, seinen eigenen Führungsstil hatte er auch – und eine Idee, wie erfolgreiche Polizeiarbeit geht. Mit dem Kreis Gütersloh hatte er bei Gründung Berührung – und später wieder als Polizeichef.

Horst Haase hatte Dienst um 0 Uhr 01 am 1. Januar 1973 – ein Sondereinsatz sozusagen. Er war der verfügbare ranghöchste Polizeibeamte in dieser Nacht als sein Vorgesetzter, Oberkreisdirektor Hans Scheele, einen symbolischen Akt vollzog. Die Löcher waren vorgebohrt, der OKD selbst aber schraubte das Schild an den Eingang mit der Aufschrift „Der Oberkreisdirektor als Polizeibehörde Gütersloh“. „Sonst war da nichts passiert, wir sind wieder nach Hause gefahren, aber wir hatten ein neues Kind geboren“, schmunzelt Horst Haase.

Damals noch engstirnig

Für ein Jahr war er in den neuen Kreis Gütersloh abgeordnet als Polizeikommissar. „Zu der Zeit war das eine ganz konservative Behörde, die auch stark durch den sehr konservativen Oberkreisdirektor bestimmt war“, erinnert er sich. Die Polizei sei damals noch engstirnig, engmaschig und sehr auf sich selbst bezogen gewesen. In den Jahren bis heute habe sie eine rasante Entwicklung gemacht, auch wenn sie Horst Haase heute manchmal noch zu konservativ erscheint.
Der Behördensitz zur Geburtsstunde des Kreises Gütersloh war der Reckenberg in Wiedenbrück. Da saß auch der Leiter der Schutzpolizei. Und die Kriminalpolizei war noch sehr, sehr klein und wurde allenfalls von einem Hauptkommissar geführt, berichtet Horst Haase. Wenig aufregende Fälle habe es gegeben in der Zeit. Mit Unfallstatistiken konnte sich die Behörde öffentlich darstellen – sonst sei es recht ruhig gewesen. So war das auch noch, als Horst Haase rund 15 Jahre später wieder – dann als Chef – in den Kreis kam.
Aber noch einmal zurück zu den Anfängen des Kreises: Die meisten Delikte, die seinerzeit bei der Kripo bearbeitet wurden, stammten vom damaligen Bertelsmann Buchclub, wenn Leute Bücher bestellt, aber nicht bezahlt hatten. „Ein Glücksfall für die Statistik“, meint Horst Haase augenzwinkernd. Das war jedes Mal ein Betrugsfall, der auch jedes Mal aufgeklärt wurde. Und der Personalschlüssel wurde aufgrund der Menge an Fällen und der Aufklärungsquote festgelegt.
Im Straßenverkehr wurden Geschwindigkeitsübertretungen noch mit Stopp-Uhren gemessen in dieser sehr viel ruhigeren Zeit. Einen Nachteil beschreibt Horst Haase trotzdem: „Gütersloh hatte als wohlhabender Kreis ziemlich früh gut ausgebaute Straßen. Dadurch gab’s auch früh schwere Verkehrsunfälle, weil die passive Sicherheit im Auto ja noch kein Thema war. Wer irgendwo auffuhr, ging schnell mit dem Kopf durch die Scheibe und wurde schlimmstenfalls blind – heute fängt ihn der Gurt und spätestens der Airbag.“

„Deutschlands übelste Polizeibehörde“

1986 kam Horst Haase also wieder in den Kreis Gütersloh – als Leiter der Schutzpolizei. Da hatte die schon 350 Beamte und neben Gütersloh Halle und Rheda-Wiedenbrück als weitere Stationen.
Technische Neuerungen hielten Einzug: „Als das erste Faxgerät kam, herrschte Aufregung. Als das zweite kam, begann der Verteilungswettkampf: Ich musste entscheiden, wer das kriegen sollte. Da hatte ich dann schnell mehr Feinde als Freunde, weil die Zahl der Benachteiligten ja höher war als die der Begünstigten“, lacht der damalige Chef. Es gab kein Handy, nichts Digitales. Für einen ersten Computer mussten Wände durchbrochen und Kühlaggregate angebracht werden.
Eine weitere Polizeireform später um 1990 herum machte Horst Haase zum Chef von Schutzpolizei und Kripo. Sein Behördensitz: Das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Textilfirma Bartels an der Berliner Straße in Gütersloh – „eine regelrechte Bruchbude“, urteilte Horst Haase schon damals. Vor der Pressekonferenz zu einem Mord wunderte sich ein TV-Team darüber, dass es mit anderen Kollegen in einen Lastenaufzug verfrachtet wurde. Die Idee entstand direkt im Aufzug: „Machen wir was über Deutschlands übelste Polizeibehörde …“
In dem Filmbeitrag hatte auch Horst Haase mitgewirkt. Nicht geplant war, dass bei dem Versuch, ein Fenster vor laufender Kamera aufzumachen, das direkt zerbrach. Ratten gab es auch in dem Gebäude. Das alles hatte so viel Aufsehen erregt, dass der Minister dann mal nach Gütersloh kam. Ein Neubau neben dem Kreishaus ließ dann nicht mehr lange auf sich warten.
In den 1990er-Jahren gab es nach Horst Haases Angaben sehr viele Rechte und eine aktive Antifa im Kreis. Da wurde der Polizeichef selbst vom Verfassungsschutz beäugt, weil er gute Kontakte zur Antifa hatte, die auch nachts mal bei ihm anrief.

Gorbi zeigte sich dankbar

Während des ersten Golfkrieges gab es ein „Katz- und Mausspiel“ rund um Kaserne und Flughafen. Die Polizei konnte mit den Briten immer ein Tor offenhalten – und niemand hat sich mit den Blockierern geprügelt. Konfrontationen wurden so vermieden, und Konflikte konnten gar nicht erst entstehen.
Gut erinnert sich Horst Haase auch an höchsten Besuch zu Anfang der 1990er-Jahre – und an seine Sicherheitsstrategie: „Ich wollte aus dem Besuch von Michail Gorbatschow in Gütersloh kein Polizeifestival machen. Mit der Philosophie bin ich da an Grenzen gestoßen, aber es ist doch gut gegangen. Der Mann hatte Kultcharakter zu der Zeit – und die Menschen sollten ihm auch nahekommen können.“
Beim abendlichen Empfang in der Klosterpforte Marienfeld zeigte sich Gorbi dankbar: Er sei noch nie so euphorisch empfangen worden wie in Gütersloh, so das vielleicht etwas übertriebene, aber freundliche Lob. Polizeidirektor Haase durfte – zwar am Katzentisch, aber immerhin – am Empfang teilnehmen.
Vor 23 Jahren schied der Mann nach einer weiteren Station in Münster aus dem Polizeidienst aus. Die heutige Polizeiarbeit ist vielfältiger, umfassender und digitaler, weiß auch er: „Ich möchte heute nicht nochmal anfangen, habe aber damals mit Tränen aufgehört. Damals hätte ich gern noch eine Weile weiter mitgemischt. Ich wäre lieber mit 70 gegangen.“
Sein Leitmotiv im Beruf war ein Spruch von Eugen Roth: „Ein Mensch fühlt oft sich wie verwandelt, sobald man menschlich ihn behandelt.“

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