Mehr als eine Idee mehr
Text: Vera Corsmeyer . Fotos: Detlef Güthenke
Betritt man die großzügige Fabrikhalle unweit des Herzebrocker Bahnhofs, öffnet sich dem Besucher ein überraschendes Panorama. Während der Fußboden mit Maschinenabdrücken und Flecken noch vor der großen Industriegeschichte zeugt, finden sich im Raum ein stimmiges Gefüge aus Sitzgelegenheiten, Konferenzmöglichkeiten, einem Überseecontainer als Küche, tropischen Pflanzen und viel Kunst.
Am Kopfende die lebensgroße Plastik eines Elefantenkopfs aus Granit des Langenberger Künstlers Bernd Bergkemper, seitlich ein individuell geschaffenes Werk von Bildhauer Lothar Seruset. Gegenüber ein großformatiges Gemälde des Malers Moreno Ugo, neu dazugekommen ist erst kürzlich ein „Turmhaus“ von Anna Arnskötter. Auf dem Klavier spielt ein Mitarbeiter während seiner Mittagspause. Ein Raum, der Möglichkeiten eröffnet und urban wie einladend wirkt: es ist der 2024 eröffnete Open Work Space der Firma Lübbering.

Innerhalb der mehr als 110 Jahre alten Grundmauern ist ein Raum entstanden, der vielfältige Nutzungsmöglichkeiten bietet. Ob für Mitarbeiterschulungen, die eigene Hausmesse, Treffpunkt, Veranstaltungsraum, Achim und Anja Lübbering wünschen sich eine möglichst offene Nutzung und öffnen ihre Räume so auch für das benachbarte Zumbusch-Haus. „Die Menschen wachsen mit der Halle, die Halle mit den Menschen”, so Achim Lübbering zu den weiteren Plänen.
Die Halle, in der 1889 Miele mit der Fertigung von Milch-Zentrifugen den Grundstein für die Firmengeschichte legt und im Anschluss von der Craemer GmbH zur Werkzeugfertigung genutzt wird, ist seit 1983 im Besitz der Firma Lübbering. Die sogenannte Nöllmannsche Mühle wird zuerst sukzessive umgebaut und zum Ort für Produktion und Montage der Johannes Lübbering GmbH. 2001 wird diese ins Industriegebiet verlagert, und die Produktion des zweiten Unternehmensbereichs zieht ein. Bis 2022 werden hier der roll..profi und alle anderen Kabelabrollsysteme gefertigt, inzwischen findet auch diese im Industriegebiet statt. Mit der Umgestaltung der Halle geht Lübbering auch auf die veränderte Arbeitswelt ein: Mobiles Arbeiten macht gerade im Außendienst einen immer größeren Stellenwert aus, feste Arbeitsplätze werden weniger benötigt. Die flexible Gestaltung der Halle macht dies möglich. Umsichtig wird die nicht unter Denkmalschutz stehende Halle saniert. Um ein möglichst authentisches Endergebnis zu erzielen, wird beispielsweise der Paternoster demontiert, Holzbalken sorgfältig restauriert. Die Balkenkonstruktion selbst ist noch im Originalzustand und besteht aus norwegischem Flößholz. Ein weiteres, vermeintlich kleines Detail, das unterstreicht, wie es der Firma Lübbering gelingt, Tradition und Moderne in der eigenen Firmen- und auch der Ortsgeschichte zu vereinen.
1934 als Elektrounternehmen gegründet, ist die Johannes Lübbering GmbH heute eines der führenden Unternehmen im Bereich der Spezial-Schraub- und Bohrtechnik und setzt in jedem ihrer drei Unternehmensbereiche Branchenmaßstäbe. 1978 kam der erste roll..profi auf den Markt – ein Kabeltrommelabroller, der mit zwei Tragwalzen so konzipiert ist, dass der Abrollvorgang für Elektroinstallateure möglichst vereinfacht wird. Mit den Produkten der roll..profi-Familie können Kabel sauber abgewickelt, gut verstaut und das auch in großen Dimensionen. Lübbering Abrollsysteme stellt mit hohem Anspruch an sich und die eigenen Produkte, marktgerechte und qualitativ hochwertige „Technik-Ideen für anspruchsvolle Anwender” her. Gedacht wird aus Kundenperspektive, aus der eigenen Erfahrung und dem stetigen Austausch, kennt man die Anforderungen dieser. Inzwischen ist der roll..profi zum Deonym geworden, ähnlich wie Zewa oder Labello.

Aus dem Produkt, das inzwischen verdientermaßen den Namen ORIGINAL trägt, ist eine globale agierende Unternehmensgruppe entstanden:
Aufbauend auf kleineren Auftragsarbeiten in den 1980er-Jahren, stellt die Gründung der Johannes Lübbering GmbH im Jahr 1986 einen wichtigen Meilenstein in der Unternehmensgeschichte dar. Es werden Schraubwerkzeuge für die Automobilindustrie hergestellt, zu den ersten Großkunden zählen VW und Audi. Seit den 1990er-Jahren gehören auch Unternehmen der Luftfahrtindustrie zum Kundenstamm. Angestoßen durch einen der größten Luftfahrtkonzerne beginnt Mitte der 1990er Jahre auch die Produktion von pneumatischen, elektronisch geregelten Bohrmaschinen. Seit 2001 fertigt Lübbering elektronische High-End-Bohrmaschinen und stellt Verschraubungssysteme für Bauteile an herausfordernden Stellen her. Häufig findet die Produktion dabei in enger Abstimmung mit den Auftraggebern und unter ständiger Weiterentwicklung statt. Heute gehört die Johannes Lübbering GmbH zu den Marktführern im Bereich für Hochpräzisionswerkzeuge der Schraub- und Bohrtechnik. Ihre Produkte werden in zahlreichen Fertigungsstraßen namhafter Automobil- und Flugzeughersteller eingesetzt. Im Bereich der handgeführten Präzisions-Bohrmaschinen gibt es weltweit nur noch zwei Anbieter, Lübbering ist dabei der einzige konzernunabhängige Akteur, die Firma ist bis heute im Familienbesitz und erfährt weltweite Wertschätzung für ihre Arbeit, die Qualität der Produkte und ihre Zuverlässigkeit.
Als im Rahmen der Zollstreitigkeiten in den USA auch Importzölle in Höhe von 25 Prozent auf Produkte ihres Geschäftsfeld fällig werden, beschließt Lübbering, die eigenen Verträge zu erfüllen – im Gegensatz zu Mitbewerbern mit Konzernstruktur. „Wie ein Mittelständler” zu reagieren und zu liefern, hat sich final ausgezahlt, so Achim Lübbering. In den USA und England betreibt das Unternehmen eigene Niederlassungen, bildet zum Teil auch dort aus. Auf dem übrigen internationalen Markt kooperiert das Unternehmen mit Vertriebspartner vor Ort.
Doch wie findet man von Abroll-, Schraub- und Bohrsystemen zu Golfputtern? 12 Jahre nach der ersten Idee, entsteht „The Groovin’ Putter”. Der klingende Name geht auf den Impulsgeber, einen Freund Achim Lübberings aus der Musikszene, zurück. 2023 erstmals bei den Terra Wortmann Open vorgestellt, wächst die Marke nun stetig. Es ist der erste Sprung vom B2B- ins B2C-Geschäft und dies in einem Neuerungen skeptisch gegenüberstehenden Markt. Die in Herzebrock gefertigten Putter sind wie die übrigen Produkte der Firma Lübbering hochpräzise und technisch durchdacht. Dabei spielt auch die Ästhetik eine entscheidende Rolle: Käufer können ihren Putter selbstständig konfigurieren. Mit LP wagt Lübbering abermals etwas Neues und wird so zum Maschinenbauer, der schöne und qualitativ hochwertige Golfputter aus (Edel-)Stahl baut.
Ob Putter, Spezialbohrmaschine oder roll..profi – für die Produkte aller Unternehmensbereiche gilt „Made in Germany”. Einzelne Bestandteile stammen aus Norderstedt, Rheda oder Lette, die Mehrheit der Produktion findet in Herzebrock statt. Der Kreis Gütersloh ist Heimat, der sich die Familie Lübbering stark verbunden fühlt. Es gehe darum, sich in der Region zu engagieren, um Dinge mit entwickeln zu können, so Achim Lübbering. Kreis und Industrie arbeiten gut zusammen. Das Verwurzeltsein in der Region bedeute auch, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Dort, wo 1934 Elektro Strotkamp gegründet wurde, sitzt heute die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Unternehmens. Fortschritt trifft auf Tradition.

Entscheidend mitverantwortlich für den Fortschritt und die Unternehmensentwicklung sind die Menschen bei Lübbering. Mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden sind über zehn Jahre im Betrieb, acht von ihnen bereits länger als 30 Jahre. Gemeinsam entwickeln sie „mehr als eine Idee mehr“ und haben entscheidende Prozesse der Unternehmensgeschichte begleitet. Ob langjähriger Mitarbeiter oder junge Auszubildende, alle profitieren von der familiären, positiven Arbeitsatmosphäre. Dass es schon seit den 1980er-Jahren kostenlos Kaffee, Tee und heute auch Wasser gibt, ist nur ein weiteres Detail in diesem wohldurchdachten Prozess. Ein respektvoller Umgang aller mache den Kern des professionellen Umfelds aus, so Anja Lübbering. Mitarbeitende sollen gerne zur Arbeit kommen. Dies wirke sich auch auf die Motivation aus. So besteht beispielsweise die Produktionsleitung fast ausschließlich aus „Eigengewächsen”. Deren Erfahrung, Leidenschaft und Kompetenz geben sie an die nächsten Generationen weiter – eine essentieller Teil der Unternehmenskultur. Die Ausbildungsquote ist hoch, die Übernahmequote liegt bei fast 100 Prozent. Sieben Ausbildungsberufe und drei duale Studiengänge werden in Herzebrock angeboten, auch im Werk in England gibt es zwei Auszubildende und einen dualen Studenten. Fortbildungen und Sprachkurse werden gefördert.
Sport und Kunst spielen im Unternehmensleben entscheidende Rollen. Es gibt eine jährliche Skifreizeit, ein Beachvolleyball-Turnier, inzwischen auch Golfkurse. Es gibt Radgruppen und Lauftreffs. Im Trikot des „TEAM Lübbering“ treten Rennradfahrer und Läufer auf hohem Niveau an. Auch der überregional erfolgreiche Läufer Julian Borgelt gehört zum Team, auch wenn er selbst nicht bei Lübbering tätig ist. Ein gutes Beispiel für die Offenheit des Unternehmens – es geht um den Teamspirit und das Gemeinschaftsgefühl.
Den Start in die Ausbildungszeit bei Lübbering bildet ein dreitägiger Kunstworkshop in der Borgholzhausener Künstlergemeinschaft DaunTown. Gemeinsam schaffen die jungen Menschen während dieser Zeit ein Kunstprojekt, das ebenso prominent wie die Werke der arrivierten Künstler im Open Work Space einen Platz findet. Das Gruppengefühl wächst, die Auszubildenden lernen auch die anderen Bereiche kennen und können sich auch in Zukunft besser vernetzen.
2034 feiert das Unternehmen sein 100. Jubiläum, dann soll der Generationswechsel zu Jette Lübbering final erfolgen. Schon heute trifft die 22-Jährige neben ihm Studium wichtige Entscheidungen mit und bringt neue Impulse ein.
Sicher ist, dass auch in den nächsten 100 Jahren Qualität, Präzision und vor allem die Menschen im Mittelpunkt aller Entwicklungen der Johannes Lübbering GmbH stehen werden. Der Unternehmenskern eines familiären Elektroinstallationsbetriebs aus Herzebrock lebt bis heute in diesem international tätigen Marktführer wieder.
