Die Stadt als Partner
In Halle in Westfalen geht die Stadtverwaltung im Gesundheitswesen neue Wege
Ob Hausärztemangel oder Pflegenotstand – die Meldungen über Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen reißen auch 2025 nicht ab. Dass es durchaus anders geht, zeigt das Beispiel Halle in Westfalen*, wo man seit 2020 erfolgreich neue Wege geht. faktor3 hat sich zum Thema mit Bürgermeister Thomas Tappe, Wirtschaftsförderin Jana Jäntsch und Uwe Borchers, Leiter der Servicestelle Gesundheit des Kreises Gütersloh und Geschäftsführer des Zentrums für Innovation in der Gesundheitswirtschaft (ZIG), unterhalten.
Herr Tappe, als Sie im November 2020 die Stelle des Bürgermeisters in Halle antraten, stand es um das Gesundheitswesen in der Kommune nicht gut. Erst kurz zuvor hatte die Kassenärztliche Vereinigung eine hausärztliche Unterversorgung festgestellt. Wie haben Sie die Situation in den Griff bekommen?
Thomas Tappe: Tatsächlich wurde das Thema Gesundheitsversorgung als Mittel der Daseinsvorsorge schon von meinen Vorgängern ernst genommen und als wichtig erachtet. Allerdings hatte das Fachgebiet bis dato keinen festen Platz in der klassischen Verwaltungsstruktur gefunden. Dieses Manko haben wir behoben, indem wir als eine der ersten Maßnahmen die Wirtschaftsförderung, die bislang als Teilzeitstelle einer Fachabteilung zugeordnet war, als Stabsstelle in einer Vollzeitstelle etabliert haben. Die Stabsstelle Wirtschaftsförderung ist direkt dem Bürgermeister zugeordnet und kümmert sich mit zwei Fachkräften, die halbtags tätig sind, unter anderem um sämtliche Themen des kommunalen Gesundheitswesens. Diese Priorisierung und Bündelung von Kompetenzen und Kapazitäten an einer zentralen Stelle erlaubt einen direkten und schnellen Zugriff auf das Thema samt anhängender Prozesse und ist daher sicherlich mit verantwortlich für die positive Entwicklung der vergangenen Jahre.
Welche Aufgaben übernimmt die Wirtschaftsförderung konkret?
Jana Jäntsch: Sowohl für die in der Kommune niedergelassene Ärzteschaft als auch für das Klinikum Halle sind wir erste Anlaufstelle in der Stadtverwaltung. Dabei sind die Themen, mit denen unsere Ansprechpartner auf uns zukommen, breit gestreut. Da geht es um praktische Anliegen wie beispielsweise die Bereitschaft als Lehrpraxis zu dienen oder Fragen des Immobilienmanagements, aber auch um sehr komplexe Anliegen wie zum Beispiel Unterstützungsleistungen bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger für die eigene Praxis. Gleichzeitig beraten und begleiten wir Mediziner, die überlegen, sich mit einer eigenen Praxis in Halle niederzulassen. Für sie sind Informationen und Auskünfte zur Wettbewerbssituation vor Ort ebenso wichtig wie etwaige Unterstützungsleistungen durch die Kommune, die in unserer 2023 in Kraft getretenen Förderrichtlinie festgeschrieben sind. In diesen Fällen kümmern wir uns um das Verfahren, stellen die benötigen Informationen zur Verfügung und sind als Gesprächspartner jederzeit erreichbar. Darüber hinaus unterstützen wir Interessenten auch, wenn es um weiche Faktoren wie zum Beispiel Kindergarten, Schule, Kultur, Bauplatzsuche geht. Denn auch diese Aspekte sind letztlich wichtig für die Entscheidungsfindung.

Kommen wir zurück zum Herbst 2020. Was haben Sie neben der Etablierung von neuen Strukturen seinerzeit konkret unternommen, um die hausärztliche Unterversorgung zu beseitigen?
Thomas Tappe: Tatsächlich wussten wir zu dem Zeitpunkt wenig über die vor Ort ansässige Ärzteschaft. Daher haben wir in einem ersten Schritt eine Bestandsanalyse vorgenommen, um einen Überblick über die aktuelle Situation der vorhandenen Ärzteschaft und das Ausmaß des Problems zu erhalten. Dafür haben wir unsere Ärzte im Rahmen von Interviews, die von der ZIG im Rahmen der Servicestelle Gesundheit durchgeführt wurden, persönlich befragt. Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? Wer überlegt, seine Praxis aufzugeben, und wer will sich erweitern? Und gibt es im Einzelfall schon Nachfolgeregelungen? Wichtige Fragen, deren Beantwortung für die kommunale Gesundheitspolitik von großer Bedeutung ist. Nach Durchführung und Auswertung der Einzelinterviews haben wir dann zu einem runden Tisch eingeladen, um die neu entstandene Verbindung zu vertiefen und offene Fragen zu klären. Als wir die Initiative gestartet haben, waren wir selbst nicht sicher, ob es funktionieren würde. Rückwirkend betrachtet hat sich der Aufwand aber in jedem Fall gelohnt. Die aus diesen Gesprächen entstandene Beziehung, die wir in der Folge über die Arbeit der Wirtschaftsförderung weiter gepflegt und vertieft haben, ist der Grundstein einer Zusammenarbeit, von der beide Seite bis heute profitieren. Auch deswegen werden wir im Frühjahr 2026 zum nächsten runden Tisch einladen, um den Dialog und Austausch weiter zu vertiefen.
Frau Jäntsch, Herr Borchers, wie erleben und bewerten Sie die Entwicklung der vergangenen Jahre?
Jana Jäntsch: Tatsächlich sind Kommune und Ärzteschaft in den vergangenen Jahren enger zusammengerückt und arbeiten mittlerweile deutlich effizienter und vertrauensvoller zusammen als vorher. Das erleben wir täglich in unserer Arbeit, aber auch bei den Informationsangeboten, die wir zur Verfügung stellen, und die in der Regel gut angenommen werden. Ich glaube, die Ärzteschaft in Halle weiß zu schätzen, dass sie in der Stadtverwaltung mittlerweile einen Partner haben, der sich intensiv um ihre Belange kümmert.
Uwe Borchers: Tatsächlich zeigt das Engagement der Stadt Wirkung. Die Tatsache, dass es in Halle auf Seiten der Stadtverwaltung kompetente und auch persönlich erreichbare Ansprechpartner gibt, hat sich auch außerhalb der Kommune herumgesprochen. So haben sich seit Beginn der Maßnahmen vier neue Ärzte am Standort niedergelassen. Das belegt, wie wichtig die damalige Initiative für die positive Entwicklung des kommunalen Gesundheitswesens war. Und wir können bestätigen, dass auch andere Kommunen gute Erfahrungen machen, wenn sie strategisch auf Gesundheit als Aufgabe der Wirtschaftsförderung setzen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesundheitswesens liegt auf der Sicherstellung der stationären Versorgung. Wie hat sich die Situation hier entwickelt?
Thomas Tappe: Tatsächlich musste unser Klinikum in den vergangenen fünf Jahren eine Reihe von Herausforderungen meistern. Beispielsweise sollte 2023 angesichts rückläufiger Geburtenzahlen die Abteilung Geburtshilfe und Frauenheilkunde am Standort Halle geschlossen werden. Dies konnte zum Glück abgewendet werden, auch dank politischer Unterstützung und einem geschlossenen Widerstand der Bevölkerung. Heute scheint die Existenz des Hauses dank der jüngsten Gesundheitsreformen und der Konzernzugehörigkeit zum Klinikum Bielefeld gem. GmbH für den Moment gesichert. Die enge Verbindung zu den Kollegen in Bielefeld und zur Medizinischen Fakultät OWL hat sicherlich auch bei der Nachwuchsförderung Vorteile. Gerade mit Blick auf die Altersstruktur unserer niedergelassenen Ärzteschaft besteht die Möglichkeit, angehende Jungmediziner auf uns aufmerksam zu machen. Dies ist natürlich eine großartige Chance.
Herr Borchers, als Leiter der Servicestelle Gesundheit des Kreis Gütersloh haben Sie einen guten Überblick. Wie bewerten Sie die Entwicklung in Halle?
Uwe Borchers: Die Servicestelle Gesundheit ist seinerzeit von der Politik im Kreis auf den Weg gebracht worden, um die Kommunen des Kreises bei Bedarf mit Wissen und Beratung zu unterstützen. Die Städte und Gemeinden nutzen dieses Angebot auf unterschiedliche Weise, etwa bei der Ansiedlung von Praxen, zur Standortwerbung oder für die Weiterentwicklung der medizinischen Infrastruktur. Halle gehört zu den Kommunen, die hier sehr aktiv geworden sind. Mit der Förderrichtlinie und anderen Angeboten wurden geeignete Werkzeuge installiert, um die Ärzteschaft langfristig zu unterstützen. Gleichzeitig hat die Kommune die notwendigen Strukturen geschaffen, um eigene Kompetenz aufzubauen. Heute sind die Praxen mit der Stadtverwaltung im Dialog. Das ist eine ausgesprochen positive Entwicklung, die wir auch in anderen Kommunen, die auf Gesundheit als Standortfaktor setzen, sehen.
Wie sehen die nächsten konkrete Schritte aus, um diese positive Entwicklung fortzuführen?
Thomas Tappe: „Die Stadt als Partner“ – dieses Gefühl wollen wir weiterentwickeln und verfestigen. Ich denke, da sind wir auf einem sehr guten Weg. Dies zeigen sowohl die Ergebnisse der vergangenen Jahre als auch der kontinuierliche Dialog und Austausch in unseren Netzwerken und mit unseren Partnern wie dem ZIG und MED OWL. Dieses gemeinschaftliche Handeln, bei dem wir miteinander und nicht übereinander reden, wird auch in Zukunft Basis der Gesundheitswirtschaft in Halle sein. Mit dem Klinikum sind wir außerdem derzeit in Gesprächen zu verschiedenen finanzpolitischen und organisatorischen Aspekten, beispielsweise zu Fragen der besseren Ausnutzung der Räumlichkeiten am Klinikum. Dabei handelt es sich allerdings um einen ständigen Prozess. Schließlich wollen wir in Halle nicht nur die Gesundheitsversorgung gewährleisten, sondern auch Chancen zur Optimierung und Weiterentwicklung nutzen. Schließlich bewegen wir uns beim Thema Gesundheit in einem ausgesprochen dynamischen Markt.
Wo sehen Sie denn noch weitere Potenziale?
Thomas Tappe: Ein wichtiges Thema, das wir in Zukunft verstärkt in den Blick nehmen müssen, ist der Pflegebereich. Das Thema Pflege muss fester Bestandteil des kommunalen Gesundheitsmanagements sein. Ähnlich wie beim hausärztlichen Bereich haben wir hier einen runden Tisch etabliert, an dem alle stationären und ambulanten Anbieter teilnehmen, und wo die Bedarfe und Perspektiven diskutiert werden, zuletzt erst im Oktober dieses Jahres. In einem nächsten Schritt wollen wir diese Runde mit dem runden Tisch der niedergelassenen Ärzte zusammenbringen, um durch eine verbesserte Zusammenarbeit von Medizin und Pflege durchaus vorhandene Synergien zu heben, insbesondere im Bereich der Nachsorge und der häuslichen Pflege. Darüber hinaus prüfen wir laufend, inwiefern wir unser Angebot noch verbessern beziehungsweise erweitern können. Allerdings muss man sehr genau schauen, was wirklich Sinn macht. Bestes Beispiel sind die Medizinischen Versorgungszentren, die vielerorts bereits als Lösung der Zukunft diskutiert werden. In Halle hat es sich an einem einzelnen Standort in die Richtung entwickelt, weil die passenden Räumlichkeiten zur Verfügung standen und durch den Zuzug von Ärzten und Physiotherapeuten auch ausreichend Interessenten da waren. Andernorts sieht es schon wieder ganz anders aus, da die Bedarfe und Gegebenheiten einfach nicht passen. Daher ist es wichtig, hier jeden Fall für sich anzuschauen und zu prüfen.
Uwe Borchers: Unabhängig davon ist die Bündelung der Gesundheitsdienstleistungen an einem Standort grundsätzlich ein zukunftsweisender Ansatz. Immer mehr Kommunen setzen auf die vorhandenen Möglichkeiten, um medizinische und gesundheitliche Dienstleistung vor Ort zu halten und zu stärken. In diesem Sinne ist die Investition in Gesundheit ein relevanter Faktor sowohl für die Wirtschaft als auch für das Gemeinwesen.
*im folgenden „Halle“
