Zwischen Pilz, Historischem & Kultur

Zwischen Pilz, Historischem & Kultur
Immer schon bodenständig: Auf ein Pilsken im Pilzken in Borgholzhausen. Foto Thorsten Wagner-Conert

Wenn der Standort erste Eindrücke vermittelt

Wanderer, kommst du in den Kreis Gütersloh … Du musst schon genau aufpassen, um es zu merken. Dieser Kreis, dem nachgesagt wird, dass es hier nach wie vor viel Gutes auch und gerade in der Wirtschaft gibt – dieser Kreis strotzt nicht gerade mit zur Schau getragenem Selbstbewusstsein. Eher sind noch Spuren von seit Ende des 17. Jahrhunderts gelebtem Pietismus in ihm – Spuren von Frömmigkeit und innerer Einkehr. Auf die heutige Wirtschaft in unserem Lebensraum übersetzt heißt das: Arbeiten, Geld verdienen, erfolgreich sein, Klappe halten, weitermachen. Eben vorne mitmachen – aber ohne Trommelwirbel.

Was sich auch auf den Straßen widerspiegelt: Nehmen wir zum Beispiel die braunen Schilder, von denen es Tausende an deutschen Autobahnen gibt. Auf touristische Ziele sollen sie hinweisen, auf Freizeitgebiete, Erholungseinrichtungen oder aber auch auf das Besondere von Regionen. Woanders läuft das mit der Betrommelei lokal-regionaler Vorzüge an Autobahnen sehr gut. Im Ruhrgebiet macht man eine Klammer gleich um 50 Städte und nennt die auf den braunen Schildern „Metropole Ruhr“. In Bayern gibt es auf einer solchen Autobahntafel zum Beispiel das „Hopfenland Hallertau“. Schön zu lesen – und man bekommt eine Idee davon, wo man gerade ist.

Nicht so im Kreis Gütersloh: Hier ist die zuständige Landesbehörde mit Schildern zurückhaltend – oder aber die Antragsteller sind rar: Die Tourismusschilder nämlich können von den Kommunen beantragt werden, von den Verbänden, von der Industrie- und Handelskammer und vielen anderen. Beim Befahren der Autobahn A2 tat sich gerade mal ein Schild auf: „Historische Stadtkerne Rheda-Wiedenbrück, Rietberg“ heißt es da. Dann ein weiteres auf der A33: „Museum Böckstiegel“. Das ist etwas Mottenkiste und etwas Kultur für Insider – in jedem Fall aber nichts Hinreichendes für einen wirtschaftlichen Powerkreis. Warum nicht mal mutig nach vorne, ohne die Bescheidenheit zu verlieren? Vorschlag: „Kreis Gütersloh – hier machen die Familien Unternehmen.“ Oder aber: „Kreis Gütersloh: Hier passiert alles. In aller Bescheidenheit.“ Oder: „Willkommen in der Toskana von Nordrhein-Westfalen.“

Was bekommt der Zureisende bei seinem Erstkontakt ansonsten vom Standort Kreis Gütersloh mit? Gut, von der Bahn aus kann sich der Kreis wirtschaftlich sehen lassen: Zwischen viel Grün tauchen Gebäude von Machern auf: Tönnies, Hagedorn/Schüttflix, Miele, COR und ein paar Namen mehr tauchen auf, bevor man aber auch schon wieder durch ist, weil: Besonders viele ICE halten nicht im Kreis. Und wenn doch, dann ist Gütersloh der Halteort – mit einem Bahnhof, der nicht gerade aus der Ära der Willkommenskultur stammt.

Leuchtet selbstbewusst Botschaften ins Land: Nobilia in Verl und Gütersloh an der A2. Foto Thorsten Wagner-Conert

Auf der Straße bekommt der Neuling eben die mit: Bundes-, Land- und Kreisstraßen in tadellosem Zustand, eingesäumt von Begleitgrün, penibel gepflegt – und immer schön geradeaus, wie die Verbindung zwischen Gütersloh und Rheda-Wiedenbrück, die Straße von Steinhagen nach Borgholzhausen oder die Route von Verl-Kaunitz nach Gütersloh. Alles easy im Vergleich zu überfrachteten Ballungsräumen.

Selbstbewusstsein gibt es an einer Stelle in besonders auffälliger Form: Vielleicht ist es ein Geschäftsgeheimnis, wie das Objekt realisiert und bei den Ämtern durchgedrückt werden konnte. Die Küchen- und Möbelmarke nobilia hat eine riesige Leuchtwand nah an der A2 installiert, 20 mal elf Meter groß und bestückt mit reichlich LED’s. Hier also gibt’s das leuchtende Beispiel, wie sich einer der größten Player im Küchenmarkt effektvoll inszeniert (während die Ordnungswächter an anderen Stellen selbst kleine Werbeanhänger in Autobahnnähe schlicht verbieten).

Und noch einmal Selbstbewusstes: Noch ganz frisch ist das größte Windrad im interkommunalen Gewerbegebiet AUREA zwischen Oelde, Herzebrock-Clarholz und Rheda-Wiedenbrück, das von der Craemer-Gruppe betrieben wird und mit stolzen 245 Metern Gesamthöhe 16,5 Millionen Kilowattstunden Strom jährlich für den Eigenverbrauch liefert.

Vielleicht ist auch das ostwestfälisches Unterstatement: Es braucht oft nicht viele Worte. Vom Medien-, Dienstleistungs- und Bildungsunternehmen Bertelsmann (immerhin dem größten Unternehmen in ganz OWL) sieht man manchmal nur das „B“. Zum Managementkongress mit den 500 Spitzenleuten des Hauses prangt der Buchstabe am Gütersloher Theater – und je nach Perspektive lugt er manchmal durchs Herbstlaub. Auch hier – zumindest am Stammsitz des Unternehmens – nichts Lautes. Weil es das nicht braucht. Im Kreis Gütersloh sind Leistung und Stärke leise Größen.

Fruchtbares Land auch für die Großen: Bertelsmann-Logistik im Grünen. Foto: Thorsten Wagner-Conert

Und gelegentlich können wir auch richtig provinziell. Eingerahmt von wirtschaftlicher Stärke und Logistikhallen steht er schon ewig da: An der Autobahnabfahrt Borgholzhausen (der ersten auf der A33 im Kreis Gütersloh) gibt es einen Fliegenpilz, der einen gutgehenden Imbiss beherbergt. Das klingt profan, der Pilz aber ist eine Landmarke im Kreis.

Neben den unauffälligen, weil Tempolimit-freien Autobahnen gibt es noch zwei recht unaufgeregte Regionalflughäfen in der Nähe – in Münster und Paderborn.

Vielleicht macht all das den Charme des Standortes Gütersloh aus: Dieser so gar nicht hochgejazzte Habitus eines Landkreises, der um seine Rolle, seine Stärke und seine Bedeutung weiß. Das Sein bestimmt das Bewusstsein – und das Stetige schafft die Verlässlichkeit – weltgewandt und bodenständig. Und mit den leisen Botschaften von Stärke.

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Thorsten Wagner-Conert

Thorsten Wagner-Conert, Jahrgang 1963, ist Immer-und-ewig-Gütersloher. Bevor er sich ganz dem Journalismus verschrieb, hatte er zunächst als Kaufmann und später als Arbeitspädagoge gearbeitet. Er sieht sich selbst als Menschensammler im besten Sinn: „Für mich gibt es nichts Spannenderes als Menschen“, meint er.  Seine Entdeckungen im Kreis Gütersloh finden sich auch in faktor3 wieder – angereichert durch eigene Fotografien.